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Warum das eBook Arno Schmidt braucht – eine Replik auf Friedrich Forssman

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– von Volker Oppmann | 07.02.2014 –

Was lässt sich zu Friedrich Forssmans eBook-Kritik sagen? Er hat Recht. Er hat in allen Punkten Recht, welche die Unzulänglichkeiten des digitalen Buchmarktes beschreiben. Ein Blick auf die aktuelle Situation lässt einem in der Tat die Tränen in die Augen steigen:

Tränen der Wut über all das, was nicht funktioniert, Tränen der Trauer ob der Naivität der Menschen und Tränen des Schmerzes, wenn man dabei zusehen muss, wie die Landnahme im digitalen Bereich fortschreitet und einst stolze Eingeborene des Buch-Universums – Branchenteilnehmer ebenso wie Leser – in kleine Reservate eingesperrt und entrechtet werden.

Besonders hart wird es, wenn man sich eingestehen muss, dass man längst nicht mehr Herr im eigenen Hause ist und vermutlich auch nie war. Wir als Branche haben uns hier zwar zuhause gefühlt, haben es uns so weit wie möglich hübsch eingerichtet, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass wir weder Quell noch Hort der (Schrift-) Kultur sind, sondern ihr Diener. Unsere Hauptfunktion besteht darin, zwischen Text-Produzenten = Autoren und Text-Konsumenten = Lesern zu vermitteln, wozu wir uns heute anderer Methoden, Techniken, Abläufe, Produkt- und Organisationsformen bedienen müssen als in der Vergangenheit. Und wenn wir es nicht schaffen, unsere Rolle an die neuen Erfordernisse anzupassen, werden wir den Weg aller Hausangestellten gehen, d.h. es wird uns schlichtweg nicht mehr geben.

Zudem haben wir – zumindest im Bereich der Publikumsverlage – völlig die Kontrolle über das Produkt verloren, da ein eBook ist im Gegensatz zum gedruckten Buch eben kein komplettes Produkt mehr ist, welches Inhalt und Erscheinungsform in sich vereint und direkt konsumiert = gelesen werden kann.

Aus Nutzersicht ist ein eBook ein äußerst komplexes Produkt, das Inhalt, Form und Ausstattung nicht länger in sich vereint. Ein eBook ist in der Regel ein reines Container-Format, das aus nichts als dem reinen Inhalt  besteht. Zum Lesen eines eBooks benötigt man zusätzlich noch ein geeignetes Endgerät sowie eine ausführende Software.

Alles, was der Kunde also an »Ausstattung« eines eBooks wahrnimmt und erwartet, angefangen von der Möglichkeit, den Inhalt überhaupt erst wahrnehmbar zu machen, über Funktionen, mit denen man Text markieren, Notizen oder Lesezeichen erstellen und verwalten kann, bis hin zum virtuellen Bücherregal sind nicht etwa Eigenschaften des eBooks, sondern Eigenschaften der ausführenden Software, die andere für uns bereithalten und von der wir uns nur allzu bereitwillig abhängig machen lassen.

Durch die Digitalisierung verschieben sich die Rollen und Funktionen rund um den Buchbetrieb. Insbesondere sind Unternehmen, die digitale Inhalte vertreiben, keine Buchhändler mehr, sondern Betreiber gigantischer Online-Bibliotheken. Aufgrund der mittlerweile etablierten Cloud-Angebote stehen unsere Bücher nämlich nicht mehr im heimischen Bücherregal, im lokalen Buchhandel oder in öffentlichen Bibliotheken, sondern in Serverfarmen, die in Kombination mit der ausführenden Software auf dem Gerät des Endkunden alleinig den Zugriff auf die dort gesammelten Inhalte regeln.

Über die Auswertung unserer Nutzerdaten stellt sich zudem die Frage, wer hier eigentlich wen liest – wir das Buch oder das Buch uns? Als Gesellschaft überantworten wir damit sowohl unser digitales Kulturerbe als auch unsere persönlichen Daten Institution, die einen äußerst fragwürdigen Umgang mit Persönlichkeitsrechten, Urheberrechten sowie Daten- und Verbraucherschutz pflegen.

Insofern möchte auch ich Friedrich Forssman <Zitat> nie wieder als amüsantes Buch-Fossil auf einem Podium </Zitat> sehen – weder in der »echten« noch im virtuellen Leben. Ich möchte, dass wir uns seine Worte zu Herzen nehmen und uns die Gestaltungshoheit über das Buch zurückerobern.

Dazu müssen wir zunächst lernen, was »das Buch« in der digitalen Welt überhaupt ist und wie es »funktioniert«, konsumseitig (wie werden Inhalte genutzt?) wie konsumseitig (wie werden Inhalte honoriert?). Vor allem aber gilt es, die Balance zwischen jenen zwei Seiten des Konsums, also dem Buch als Wirtschaftsgut auf der einen und dem Buch als Kulturgut auf der anderen Seite, wieder herzustellen. Denn was passiert, wenn eine der beiden Seiten Übergewicht bekommt, haben wir in den letzten Jahren lebhaft vor Augen geführt bekommen: Entweder erhält man eine Wirtschaftsdiktatur à la Amazon oder aber ein Glasperlenspiel à la Europeana.

Das eine Extrem besitzt durch seine massenhafte Verbreitung leider eine nicht wegzudiskutierende gesellschaftliche Relevanz (wenngleich die Folgen, welche die Gesellschaft durch ihr naives Konsumverhalten in Unkenntnis der Lage in Kauf nimmt, nicht in ihrem Interesse sein können), das andere Extrem ist mangels tatsächlicher Nutzer gesellschaftlich leider völlig irrelevant.

Ich möchte weder in einer Version von 1984 leben (es sei denn in Form eines Romans von Murakami), noch in der pädagogischen Provinz Kastalien. Ich würde aber gerne in einer Welt leben, die sich den großartigen Hacker Arno Schmidt zum Vorbild nimmt, der sich (in bester Schumpeterscher Tradition) mit  schöpferischer Zerstörungslust konsequent über Schranken, Regeln und die limitierenden Faktoren hinweggesetzt hat.

Arno Schmidt hat seine Texte nicht etwa mit Tinte und Feder produziert, sondern mit einer Maschine. Er war ein Großmeister des Anglizismus und hat die Grenzen der deutschen Orthographie erweitert wie kein anderer. Kurz: Er hat geschrieben, wie es ihm gepasst hat und was nicht passte, wurde eben passend gemacht. Seine Texte tanzen sprichwörtlich aus der Reihe. Und wer sagt, dass man auf einer Seite nur linear in einem Erzählstrang erzählen kann? Niemand beherrschte die Klaviatur der Schreibmaschine so virtuos wie Arno Schmidt, niemand organisierte und re-organisierte so manisch »Content« wie er in seinen berühmten Zettelkästen.

Wenn man Arno Schmidt eines nachsagen kann, dann die viel gerühmte Eigenschaft der Medienkompetenz. Und ich mag mir gar nicht ausmalen, was Arno Schmidt alles mit einem modernen Computers und den Möglichkeiten der digitalen Technik angestellt hätte, wären sie ihm je unter die Finger gekommen. Er hätte die Grenzen des bislang bekannten Buchuniversums vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes gesprengt und alles andere weit hinter sich gelassen.

Um zum Thema zurückzukommen und eine Analogie für die Branche zu bemühen: Wenn wir in unserer Existenz als Bücherwurm = Raupe nicht mehr weiter kommen, müssen wir uns eben aus unserem gemütlich-begrenzten Papier-Kokon befreien und ein Schmetterling werden. Welche Effekte Schmetterlinge haben können, sollte inzwischen hinlänglich bekannt sein.

Die gute Nachricht ist: die ersten Schmetterlinge sind bereits geschlüpft und probieren wacker ihre neuen Flügel aus – und helfen durch kleine Abweichungen mit, das ganze System im Endeffekt vollständig zu verändern. Die schlechte Nachricht ist: Es gibt noch verdammt viel zu tun.

Oder um mit dem ebenfalls zitierten Sascha Lobo zu sprechen: Nicht nur das Internet ist kaputt, auch das Buch ist kaputt. Also lasst uns das Internet reparieren und aus dem Buch etwas Neues bauen, das die Welt noch nicht gesehen hat – das die Welt aber brauchen wird, auch wenn sie sich dessen vielleicht noch nicht bewusst ist.

Wer wusste schon, dass er einen Computer brauchen würde, bevor ihn jemand gebaut und vor allem aber benutzbar gemacht hat? Ohne den Computer und seine vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Buchhaltung bis DTP wäre die heutige Verlagslandschaft gar nicht mehr denkbar, geschweige denn eine typographische Meisterleistung wie die Neuausgabe von Zettel’s Traum. Und wer hätte geahnt, dass mobile Kleinstrechner für die Westentasche aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sein würden?

Wir brauchen einen Jony Ive der Buchbranche, jemanden, der uns zeigt, wozu die neue Technik gut ist und wie sie funktioniert. Wir brauchen eine neue Detailtypographie, eine neue Lesetypographie. Und wir brauchen Arno Schmidt, sowohl in Gestalt seines Werks als auch hinsichtlich dessen, wofür er steht – und nicht zuletzt in trasformierter Gestalt in Form eines gigantischen digitalen Zettelkastens, eines benutzerfreundlichen Super-Containers für digitale Inhalte.

Unsere Aufgabe als Branche ist es nicht (mehr), einzelne Bücher oder gerne auch Reihen zu gestalten – wir müssen den Buchmarkt als solchen gestalten und die Balance zwischen dem Buch als Wirtschaftsgut und dem Buch als Kulturgut wieder herstellen.

Letzten Ende ist es an uns, dafür Sorge zu tragen, dass digitale Bücher auch das leisten, was wir von ihnen erwarten.

<tl;dr>

reclam?
re:claim your library!

 

 

PS: Dieser Blog-Beitrag wurde zuerst am 07.02.2014 im Suhrkamp LogBuch veröffentlicht.

 

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